Im Echolot

I love the world von Marie-Jo Lafontaine

text: Alexander Jackob

Netherlands; Amsterdam; (M.A.) Universiteit van Amsterdam

jackob@uni-mainz.de

Erwartungsvoll sind die Blicke des Philosophen wie des Weltmanns auf den politischen Schauplatz geheftet, wo jetzt, wie man glaubt, das große Schicksal der Menschheit verhandelt wird. Verräth es nicht eine tadelnswerthe Gleichgültigkeit gegen das Wohl der Gesellschaft, dieses allgemeine Gespräch nicht zu teilen?

Friedrich Schiller: Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Zweiter Brief.

Als die renommierte Künstlerin Marie-Jo Lafontaine zur Eröffnung der Fußball-weltmeisterschaft in Frankfurt ihre Bild- und Tonmontage I love the world auf 11 Hochhäuser des internationalen Banken- und Versicherungswesens projizierte (Musikkom-position Michael Fahres), war dies ein Moment, den man wahrhaft mit dem Begriff des Erhabenen beschreiben kann. Eine ästhetische Grenzerfahrung war die Aufführung gleich in mehrfacher Hinsicht. Zunächst stellte sie die Konfrontation mit einer überdimensionalen Projektionsfläche dar, deren Raum- und Klangumfang nahezu alles in den Schatten stellte, was man bis dahin in der internationalen Kunstwelt gesehen hatte. In Zahlen und mathematischen Größen waren und sind die Dimensionen, die sich hier boten, weder zu beschreiben noch wiederzugeben. Dass die Bühne des Ereignisses von den Organisatoren wohl auch deshalb den Namen Skyarena erhalten hatte, kann man als einen weiteren Hinweis darauf sehen, dass den Größenordnungen der Veranstaltung nur noch mit einer Metapher beizukommen war, die an den Grenzen der Einbildungskraft operierte. Zwar mag es durch eine strenge Reglementierung der eigenen Phantasie möglich sein, den Begriff der Arena an dieser Stelle allein auf seine Bedeutungen als Sportplatz und Wettkampfstätte zu reduzieren und damit als bloße Anspielung auf das Sportfestival der Fußballweltmeisterschaft zu sehen. Hier allerdings gilt es bereits einzuwenden: ihrem Selbstverständnis und ihrem Ausmaß nach muss die Fußball-WM als ein Phänomen aufgefasst werden, das selbst als überdimensional und global inszeniert und vermarktet wird. Schon die Verortung der Arena in einem bis an den Horizont unserer Wahrnehmung gehenden Himmel, Sky, macht deutlich, dass mit zu kurz gefassten Begriffen ein adäquater Zugang zu diesem durch enormen technischen Aufwand ‚bespielbar gemachten Ort scheitern muss. Denn in dieser Arena blitzt der Reflex aus einer Zeit auf, in der die Wett-Kampf-Stätten der römisch-antiken Gesellschaft der unmittelbare Ausdruck eines Weltbildes waren, in dem ein Überleben nur durch das Sterbenlassen des Gegners in einer Bühnensituation mit großer Menschenkulisse möglich war. Damit konnte die Arena zur Metapher einer in sich geschlossenen Welt und ihrer immanenten Anschauungen werden. Zugleich gilt sie heute als Ursprung und Urmodell für das Massenspektakel und die Mechanismen der Massenerregung in der globalen Gesellschaft. Das betrifft auch die Ideologie des Kampfes in der antiken Arena, wenn man den Vergleich mit der Skyarena Frankfurt heranzieht: Wer hatte nicht vor zwei Jahren beim Anblick der Skyline des Frankfurter Finanzzentrums Begriffe wie Heuschrecken, Deregulierung, Sieg des Kapitalismus und – wenn man sich dem Gelächter der Verkünder des freien Marktes ohne staatliche Eingriffe aussetzen wollte – Raubtierkapitalismus im Ohr?

Wer das umfassende Werk von Marie-Jo Lafontaine kennt, der kann weder erwarten, dass die Künstlerin die Größenordnungen und die Problematik des Aufführungsortes herunterspielen, noch seine, bis an die Grenzen des Humanen gehenden Lebensäußerungen durch voreilige moralische Urteile ignorieren würde. Ganz im Gegenteil war es das Spiel mit der Erhabenheit, in dem sich eine erstaunliche Wirkung entfalten konnte, die weit über die Spektakularität der Kulisse hinausging. Dies gelang unter anderem durch eine Kontrastierung der Größenverhältnisse. Übergroße Bilder von Spielzeugrobotern oder auch Schwarzweißportraits von Kindern und Jugendlichen auf den Hochhausfassaden verführten nicht zu fraglosem Erstaunen, sondern irritierten und forderten die Zuschauer zum Fragen heraus. Durch den gezielten Einsatz und die Überblendung von Bildern aus ihrem eigenen Werk und Bildern aus dem kollektiven Gedächtnis des Publikums, aber auch durch den Einsatz von kurzen Texten, Klängen und Geräuschen wurde von Lafontaine ein Werk präsentiert, in dem die sinnlichen Eindrücke und Erfahrungen des Publikums mit den gesteigerten Formen- und Vorstellungswelten der Künstlerin in Wechselwirkung treten konnten. Obgleich hier unübersehbare ästhetische Entscheidungen im Raum standen, war es dem Zuschauer gerade durch eine entschiedene Zurückhaltung und Konzentration auf einige wesentliche Grundmotive möglich, seinen eigenen Anteil an den Fragestellungen und Entscheidungen der Künstlerin zu ermitteln und einen Standpunkt zu formulieren.

Den nachhaltigen Eindruck, den die drei Aufführungen von I love the world in der Skyarena machten, lässt sich von der besonderen Aufführungssituation und dem weltumspannenden Ereignis der Fußball-WM 2006 letztlich nicht ablösen. Insofern ist die Amsterdamer Vorführung des Projektes in der Form einer überarbeiteten Computersimulation weder als Versuch einer adäquaten Wiedergabe des Events, noch als eine Rekonstruktion auf der Bühne eines anderen Mediums zu verstehen. Ganz im Gegenteil verweisen die jetzigen spezifischen Qualitäten von I love the world auf einen in sich begründeten Eigenwert. Die zahlreichen Perspektiven, die das Werk in seinen ästhetischen Qualitäten eröffnet, können hier allerdings nur angedeutet werden.

Zunächst wird in der Amsterdamer Fassung im Vergleich mit Frankfurt deutlich, wie sehr Wahrnehmung und Einstellung den situativen Einflüssen und den ständigen Veränderungen der sozialen und gesellschaftlichen Realität unterliegen. Denn angesichts des inzwischen drohenden Zusammenbruchs des internationalen Finanzwesens ist es wohl kaum noch möglich, die Skyarena nicht mit einem Gefühl der Skepsis, wenn nicht der Befremdung zu betrachten. Erschienen die Hochhaustürme noch vor zwei Jahren als strahlende und erhabene Tempel einer ‚siegreichen Wirtschaftsideologie, die selbstsicher und jeder Warnung zum Trotz auf die totale Entfesslung des Marktes drängte, so fühlt man sich heute aufgefordert, die Auseinandersetzung mit der offenkundigen Hybris jener gesellschaftlichen Kasten zu suchen, die alle überlieferten Soziallehren im globalen Gewinnstreben zu verdampfen und ad absurdum zu führen wünschten. Dass I love the world gerade jetzt einen kritischen und differenzierten Blick auf ein selbst für Insider kaum noch zu überblickendes Geschehen bereitstellt und dabei zusätzlich noch an Aura gewinnt, das gehört wohl zu den auffälligsten Merkmalen des großen Kontextes, in dem das Werk in Amsterdam 2008 zu sehen ist. Dies gilt um so mehr im Verbund mit dem Kongressthema Orbis Pictus – Theatrum Mundi.

Sieht man weiter auf die ästhetischen Qualitäten der Amsterdamer Fassung, dann ist zunächst zu betonen, dass erst die Computersimulation die Wahrnehmung des Totalbildes der Raum- und Klanginstallation möglich macht, die – bis auf den Standort der Regie in Frankfurt – letztlich nur wenigen Zuschauern in dieser Form zugänglich war. Schließlich setzte die Größenordnung vor zwei Jahren voraus, dass die Besucher der Frankfurter Innenstadt selbst zu einem Bestandteil der Inszenierung werden mussten. Der Über-Blick, den die Simulation bereitstellt, ist somit zugleich ein Eintreten in einen Blickwinkel, aus dem heraus Lafontaine das Werk realisiert konnte und der bis dato keinem Publikum zugänglich war.

Zudem gewährt die Amsterdamer Fassung Einblicke in den Produktions- und Entstehungsablauf. Die Arbeit der Künstlerin mit eigenen und fremden Vorstellungs- und Einbildungskräften wird nun in einem intimeren Rahmen deutlich, ein Umstand, der ebenso für den unverzichtbaren musikalischen Anteil des Tonkünstlers und Musikers Michael Fahres gilt. Erst anhand der Computersimulation wird die Entstehung von Bild- und Klangwelten ganz unmittelbar einsehbar und fühlbar. Eine besondere Pointe ist dabei, dass die Spannung, die zwischen der Simulation und der ‚realen Frankfurter Skyline entsteht, letztlich nicht nach einer Seite hin aufgelöst werden kann. Weder ist die Simulation hier als realitätsauflösendes „Simulakrum, noch ist der Realitätsbegriff als Anspruch auf letztgültige Wahrheit zu sehen. Erst im Spiegel der Simulationstechnik lässt sich hier eine Szene betreten, die so in der Wirklichkeit zwar vorhanden, als real jedoch nur unter kritischen Vorbehalten zu bezeichnen ist.

Wie bereits angedeutet, verdient auch die musikalische Komposition von Michael Fahres besondere Aufmerksamkeit. Sie wurde für die Aufführung in Amsterdam eigens überarbeitet und im Mehrkanal-Tonsystem DTS neu abgemischt. Mehr noch als in Frankfurt werden hier die spezifischen Möglichkeiten einer konzentriert gestalteten und dramaturgisch exakt abgestimmten Tonregie deutlich, die in ihrer Gesamtheit einen umfassenden Soundscape generiert. Geräusche aus der Natur verbinden sich mit Stimmen und synthetischen Klängen. Auf diese Weise entstehen dreidimensionale Klangbilder, die direkt ins visuelle und taktile Feld des Zuschauers, bzw. Zuhörers eingreifen und seine Wahrnehmung herausfordern, stimulieren und bisweilen irritieren. Besonders zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass der Sound in seiner Materialität wohl am unmittelbarsten die Spur des physischen Aufführungserlebnisses in Frankfurt in sich trägt und vermittelt.

Fühlbar wird die physische Dimension des Soundscapes gleich zu Beginn der ca. 16 Minuten dauernden Vorführung. Ein Echolot stößt in die Tiefe des Klang- und Bildraumes vor, der bis dahin nur aus der schweigenden Kulisse der Skycrapers bestand. Noch bevor die Szenerie zum Leben erwacht, wird der Zuschauer so als Zuhörer zur Aufmerksamkeit disponiert. Dann folgen in klar strukturierten Zeiteinheiten – die Künstlerin selbst legt den Vergleich mit einem zeitlich gegliederten Triptychon nahe – Bilder, Stimmen, Texte, die nur dem ersten Anschein nach einen kaleidoskopischen Blick auf eine urbane Metropole wiedergeben. Schwarzweißportraits von Kindern werden zu Beginn von Aufnahmen von  Politikern, Titelblättern von Trend- und Wirtschaftillustrierten oder auch von großen Farbflächen abgelöst. Was zu sehen ist, fasst Marie-Jo Lafontaine folgendermaßen zusammen: „Der erste Teil beschreibt einen Spannungsbogen zwischen den Gestaltungselementen unserer modernen Gesellschaft: die politischen Mächte weltweit, die Macht der Medien als Meinungsmacher wie Meinungsführer, die Macht der Ökonomie, des Geldes, die Macht von Technik und Fortschritt – und der Lüge! Im zweiten Teil sieht man unter anderem Heranwachsende, die von der Skyline herabblicken und sich mit Fotografien von Tiermasken – z.B. Affen- und Hasenmasken – vermischen. Nicht nur durch die dunklen Anzüge der Maskenträger lässt sich hier an einen neuen, mehrstimmigen „Bericht für eine Akademie denken. Mehr noch werden die Tiermasken als sich verbergende oder behauptende Identitäten, als Spiel mit der Wahrheit, aber auch als Orte von möglichen Bekenntnissen und Demaskierungen gezeigt. Diese Perspektive wird nicht zuletzt dadurch unterstützt, dass die Kinderportraits im dritten Teil wieder zurückkehren. Auf dem Weg dahin erklingen die Stimmen von Jugendlichen, die den Fluss der Bilder mit Fragen und Worten begleiten und zuweilen kontrastieren. Die kurzen Wortsequenzen bilden so eine weitere Reflexionsfläche in einem anderem Medium. Wenn zuletzt auf den Wolkenkratzern selbst Wolken erscheinen – Give me some air –, dann mag man kurz den Eindruck haben, dass die vereinnahmende Erhabenheit der Architektur einem größeren Schauspiel Platz macht.

 

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