ZOOPHONIA


Die Suche nach dem Klang
1995

Michael Fahres

mit den Sätzen
1. Photos (31'06')
2. Phönix (33'53")

gewidmet an Hercule Florence
im Auftrag des Fonds voor Scheppende Toonkunst

Konzept Green Room: T.M.Welling
Midi- und Sample-Technik: Arno Peeters
Technik: James Rubery

Mit Dank an: Instituto Goethe Sao Paulo und Brasilia, Christina Bittencourt,  Kodiak Bachine, André da Silva Gomes, José Joaquim Emérico  Lobo de Mesquita, Brasilessentia Grupo Vocal, Elisa Freixo, Andy Costa und de  Conjunto de Jose Lopéz. Mein spezialer Dank geht an Johan Dalgas Frisch,  Jacques Vielliard und Kees Hazevoet, die mir die verschiedenen Vogelaufnahmen  zur Verfügung gestellt haben.
 

1. Geschichte

Zwischen 1822 und 1829 fand in Brasilien die sogenannte Langsdorff-Expedition  statt. Baron Georg Heinrich v. Langsdorff erhielt von dem Zar Alexander I den  Auftrag, mit Wissenschaftlern und Künstlern aus Russland, Deutschland und  Frankreich das Hinterland von Brasilien bis hin zum Amazonas zu erkunden. Neben  vielen anderen begleitete der französische Maler Hercule Florence, 1804  in Nizza geboren, den Baron. Hercule Florence hielt die Landschaft, die indigenen  Völker sowie Fauna und Flora in Zeichnungen und Aquarellen fest.

Neben dieser Tätigkeit beschrieb Florence auch die Klänge seiner Umgebung  u.a. verschiedener Tiere (soundscape). 1829 veröffentlichte er die Schrift  Zoophonia, in der er in Worten und mit einer selbst entworfenen  Notensprache diese akustischen Erfahrungen niederlegte. Der Klangentdecker Florence  sah als erster die Verbindung zwischen Sound und Musik, er überbrückte  somit die Kluft zwischen Kunst und dem Alltäglichen. Florence teilte somit  eine Musikauffassung, die erst im 20.Jahrhundert mit Varese oder der musique  concrete eine weitere musikalische Entwicklung erlebte.

Nach der politischen Öffnung der Sovietunion konnten 1989 die Schriften  und Anzeichnungen, die an der Petersburger Akademie der Wissenschaften gelagert  waren, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Im April 1995 folgte eine Expedition, organisiert von dem Goetheinstitut Sao  Paulo, den Langsdorff-Spuren. Verschiedenste Künstler aller Sparten versuchten,  die demographischen, ethnischen, ökologischen, politischen, sozialen und  kulturellen Veränderungen der zurückliegenden 150 Jahre in Brasilien  mit eigenen Mitteln aufzuarbeiten.

2. Zur Musik von Zoophonia

1. Photos

Photos interpretiert die Notation in direkter oder freier musikalischer  Sprache, d.h. die Partiturskizzen oder Erzählungen von Hercule Florence  formen u.a. das Ausgangsmaterial für die Komposition. Hierbei können  zum einen die beschreibenden Texte von Florence wörtlich, z.B. Vögelbeschreibungen,  mit adäquaten Vögelklängen dargestellt werden. Zum anderen kann  die Partitur als Basis herangezogen werden, die Tonhöhenverläufe z.B.  werden als Kompositionsparameter verwendet.
Die Komposition Photos ist keine Bearbeitung der Klangideen von  Florence. Photos versucht die Gedankenwelt dieses Entdeckers zu  interpretieren, zu verdeutlichen, weiter zu entwickeln und das mit eigener Musikalität.

2. Phönix

In Phönix werden Tonaufnahmen, die ich zwischen 1987 und  1994 in Südamerika gemacht haben, mit den neuen akustischen Eindrücken,  die sich während der 2. Langsdorff-Expedition ergaben, kompositorisch verbunden.
Hierbei ist es interessant, in wie weit die Textklänge (1825-1829)  von Florence von den heutigen Alltagsgeräuschen abweichen. Die akustischen  Aussagen von Vergangenheit und der Gegenwart ermöglichen es, die brasilianische  Kultur und Gesellschaft mit musikalischen Mitteln zu erfahren und mitzuteilen.

Die Klanglandschaft Zoophonia ist ein Hörspiegel, eine elektroakustische,  photographische Reise durch die Zeit.

Zoophonia ist für zwei verschiedenen Aufführungsformen  gestaltet, als Audio-Installation und in einer Tape-Konzert-Version, wobei die  Lautsprecher outdoor in die Landschaft integriert werden.

Arbeitsmaterialien

a. Partitur und Schriften von und über Florence
1. Recherches sur la voix des animaux ou essai dun nouveau sujet
detudes offert aux amis de la nature, Tipogragrafia de R.Orgier,
Rio de Janeiro, 1831
2. Zoophonia, Memoria escripta em Francez Pelo Sr. Hercules Florence  no
anno de 1829, Alfredo dEscragnolle Taunay, Instituto Historico e
Geográfico Brasileiro, Rio de Janeiro, 1877
3. A Zoophonia de Hercule Florence, Jacques Vielliard,
Editora Universitária, Cuibá-MT, 1993

b. Klangmaterialien

1. Soundscapes, Brasileiras 1-5, Juan Dalgas Frisch, 5 CDs
2. Vögel Südamerikas, Bariloche, private recording
3. Canto de las Aves, Roberto Straneck, 1 Cass. und Buch
4. Tierstimmen, H.J.Eickhoff

3. Der "Green Room"

Problematik:

Nach der Expedition (April 1995) war es deutlich, daß meine Arbeit "Zoophonia"  innerhalb einer großen Ausstellung im Modern Art Museum von Sao Paulo  präsentiert werden sollte. Diese Präsentationsform schloß ein  konventionelles Konzert mit Lautsprechern aus. Aus diesem Grund waren audiovisuelle  Präsentationsformen gefragt, die die Wahrnehmung des Ausstellungsbesuchers  fördern sollten. Außerdem sollten die zwei Teile "Photos"  und "Phönix" von "Zoophonia" in unabhängigen Räumen  ausgestrahlt werden.

Realisation-Visualisation:

Zoophonias Green Room


1995

T.M. Welling
 


Der GREEN ROOM, im Englischen ein kleines Zimmer, in dem sich die  Künstler während einer Aufführung aufhalten, nimmt innerhalb  der Installation von Zoophonia eine zentrale Rolle ein. Der GREEN  ROOM ist eine in der Mitte des Ausstellungsraumes hängende grüne  Klang-Lichtsäule aus Samt, die 3,20 Meter hoch ist und einen  Durchmesser von 1,5 Meter aufweist. Bei Betreten und Verlassen dieser Röhre  wird eine Lichtschranke von zwei Photozellen unterbrochen, die die Beschallung  auslöst oder stoppt.
Jeder einzelne Besucher des GREEN ROOMs befindet sich  inmitten eines grell-grünen heißen Lichtstrahls. Akustisch abgeschirmt  wird die Komposition Photos in einer diffusen Raumakustik  ausgestrahlt. Die Künstler sind hierbei die Vögel und die Tiere, die  Florence in seiner Zoophonia beschreibt. Der GREEN ROOM  ist der Zeittunnel zu Hercule Florence und seiner Welt während der Expedition.  Von Außen ragt der GREENROOM wie ein Baumstammrumpf schwebend  in die Höhe. Die Decke bzw. der Fußboden des Ausstellungsraumes werden  nicht berührt. Phönix wird über Lautsprecher in dem  purpurroten Austellungsraum zu hören sein. Das Licht ist diffus. Die Raumakustik  von Phönix besitzt ein deutlich getrenntes Stereobild.

GREENROOM ist somit ein Raum im Raum, eine Geschichte der Vergangenheit  in einer Welt des Brasilien von 1995, ein Klanglichttraum umgeben von den heutigen  akustischen Landschaften, in denen sich Florence damals befand. Es werden zwei  Zeiterscheinungen skizziert, die der Besucher getrennt voneinander oder verbindend  miteinander erleben und wahrnehmen kann.

Der GREENROOM wurde in Zusammenarbeit mit Michael Fahres und James  Rubery gestaltet.
Michael Fahres, 4.8.1999

4. Kurzinformation über Zoophonia
 

Zwischen 1822 und 1829 fand in Brasilien die berühmte Langsdorff-Expedition  statt. Im Auftrag des russischen Zaren Alexander I besuchte der deutsche Baron  Georg Heinrich v. Langsdorff das Hinterland von Brasilien bis hinauf zum Amazonas.  Neben vielen anderen Wissenschaftlern und Künstlern begleitete der französische  Maler Hercule Florence, 1804 in Nizza geboren, die Expedition.

Das Goetheinstitut in Sao Paulo lud eine Gruppe von russischen, südamerikanischen  und deutschen Wissenschaftlern und Künstlern ein (2.4.1995-24.4.1995),  den Spuren der Langsdorff-Expedition nach 166 Jahren zu folgen.

Mit dem Material dieser zwei Expeditionen (u.a. Aufzeichnungen, Schriften, Bildern,  Zeichnungen, Photos, Video und Musik) wurde eine Ausstellung organisiert, die  das Kulturprogramm der deutschen Industriemesse FEBRAL in Sao Paulo eröffnete.  Diese Ausstellung fand zwischen dem 26.11.1995 und 20.1.1996 im MASP (Modern  Art Museum Sao Paulo) statt.

Der deutsche Komponist Michael Fahres, der mehr als 25 Jahre in den Niederlanden  arbeitet und wohnt, war in dieser Expedition der Klangentdecker. Mit den gefundenen  Klängen und der gleichnamigen Partitur von Hercule Florence schrieb er  die soundscape Zoophonia.

Von der holländischen bildenden Künstlerin T.M.Welling wurde speziell  die Installation Green Room entworfen, die eine optimale Erlebniswelt  der Komposition Zoophonia ermöglicht. Der Green Room  vermittelt dem Besucher die akustischen Eindrücke von Vergangenheit und  Gegenwart in der brasilianischen Kultur und Gesellschaft der letzten 166 Jahre.

Die Komposition Zoophonia wurde finanziell unterstützt von  dem Goetheinstitut Sao Paulo und dem Fonds voor de Scheppende Toonkunst in Amsterdam.

Die Langsdorff-Expedition 1995 war ein sehr großes Projekt,  das vom Goetheinstitut in Sao Paulo organisiert wurde. Es erschien damals ein  Ausstellungskatalog sowie eine CD. Nach verschiedenen Ausstellungen in Brasilien  wurde die "Zoophonia" im November 1996 als europäische Erstaufführung  in Nizza, dem Geburtsort von Florence, in dem Atelier von Henri Matisse präsentiert.

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