2. Satz – Die Gegenwart
1992/1994 (41’48”)
Radioplay
“Es soll nicht mehr lang dauern, bis alles vergessen ist”
Die Komposition ‘Short, der Mittelteil des radiophonischen Werkes ‘Karryon’, ist weder ein literarisches noch ein dokumentarisches Hörspiel. Obwohl Interviews und damit wahre Begebenheiten verarbeitet werden, bleibt ‘Short’ autark in seinen kreativen Mitteln und damit in seiner Aussage.
‘Short’ stützt sich auf folgende inhaltliche Überlegungen und Arbeitsprozesse:
1. Interviews
Frau Enriqueta de Castelumendi de Santin (La India Varela, 78 Jahre alt) und Herr Segundo Arteaga (84 Jahre alt), die zwei letzten lebenden Kreolen (die Väter waren jeweils Argentinier bzw. Chilene, die Mütter Selk’nam Indianer), erzählen von ihrem Leben und bezeugen damit den Untergang der Selk’nam Indianer (Ona’s) auf Feuerland.
Der Salesianer Mönch Juan Tico beschreibt die positive Christianisierung der Selk’nam. Obwohl die Lebensgeschichte von La India Varela sehr schwer und problemerfüllt ist, wurde diese sehr distanziert von Ihr erzählt. Kulturunterschiede könnten die Gründe hierfür sein.
2. Die Short-Dramaturgie
Die Landung der Weißen Ende des 19. Jahrhunderts, der realisierte Traum des Don Bosco, ist die Rahmenhandlung des Stückes. Der Niedergang der Selk’nam steht jeweils am Anfang und am Schluss des zentralen Mittelteils, der die persönlichen Erfahrungen von La India Varela vermittelt. Mit einer Coda (Segundo Arteaga) schließt die Komposition. Die Handlungsverläufe werden in ihrer zeitlichen Abfolge unterschiedlich miteinander verknüpft.
3. Die Wasserklänge
Die Handlung von ‘Short’ verweist auf die Verwendung von Wasserklängen. Wasserklänge in häuslicher Umgebung z.B. Händewaschen unterstreichen bzw. interpretieren die Intimität einer Textpassage.
Es wird eine Klanggeschichte erzählt, der Handlungsverlauf z.B. die Landung (Segelschiffgeräusche) wird auditiv in Szene gesetzt.
‘Short’ synthetisiert Wasserklänge mit elektronischen Mitteln, Meeresrauschen wird aus seinem natürlichen Kontext genommen, verändert, neu zusammengefügt. Eine eigene abstrakte Klangwelt entsteht.
4. Die Vogelklänge
Vögel spielten in dem Leben der Selk’nam eine besondere Rolle. In ihren Liedern interpretierten sie die Vogelstimmen und deren Melodien. In ‘Short’ steht der Vogel symbolisch für Abflug, Wegziehen, das Ende einer Ära.
5. Cerca Diosi
Am Ende von ‘Short’ steht das Lied “Cerca Diosi”, wiederum gesungen von der Schamanin Lola Kepja. Es ist ein Chant, den sie in der Salesianer Mission lernte, die Anrufung “Nahe zu Gott”.