Karryon

(oir hablar)
(Carry on – Carillon)

“I’ve heard, what other people said about the Selk’nam indians in Fireland” Music notes about and for the Selk’nam indians

“Nach meiner Komposition ‘Hain’ über die Selk’nam Indianer war mir klar, dass ich weitermachen musste, I had to carry on. Im Französischen gibt es das „Carrillon“, das Glockenspiel, ein Alarmsignal, das auf Unheil aufmerksam macht und die Ruhe durchbricht. Ich wollte mit meiner Arbeit auch das Schweigen über das Schicksal der Selk’nam Indianer durchbrechen.”

CD Hain

Die meisten Bilder im Video entstammen der Fotographiesammlung des deutschen Anthropologen Martin Gusinde (1886-1969), der zwischen 1918 und 1924 als einer der letzten Weißen die Gelegenheit hatte, das Leben und die geheimen Riten der Selk’nam miterleben zu dürfen. Außerdem sieht man Foto’s von Lola Kiepja und Angela Loij, den beiden letzten Selk’nam-Indianerinnen auf Feuerland. Angela Loij starb als letzte 1972.

Alle Stücke wurden während des Sunwheel-Projekts sowohl in den Niederlanden als auch in Israel aufgeführt.

Karryon: Shoort

1. Satz – Die Vergangenheit
1992 (21’38”)
Radioplay
Für Stimme, Guitare und Flöten.

Die Komposition ‘Karryon/Shoort’ (die ‘Shoorte’ sind die aktiven Geister der Götter, die während des Initialisierungsritus ‘Hain’ auftreten) beschreibt das Leben und den bevorstehenden Untergang der Selk’nam Indianer (Onas) in Feurerland, Argentinien.

Milonga (2’26”)
Mit einer Milonga, einer langsamen Form von Tango, die von dem Uruguayo-Bajadero Nieves Cabrera gespielt wird und die Komposition einfasst, wird der Hörer in die Geschichte dieser Indianer eingeführt.

Cauquen del Fuego (9’27”)
Den Hauptteil von ‘Shoort’ bildet die Vogelkomposition ‘Cauquen del Fuego’. Die Vögel spielten eine wichtige Rolle im Leben der Indianer.
Die Cauquenes, die Gänse und andere Vögel fliegen aus dem explodierenden Flammenball, um dem ankommenden Unheil, das über den Selk’nam schwebt, zu entkommen. Die Vögel werden auch von dem Yamana-Indianer Ramon Ernesto Leiva mit seinen Flöten imitiert.

Kaisiya (6’21”)
Der Chant ‘Kaisiya’, gesungen von der Shamanin Lola Kjepa, steht im Mittelpunkt der ‘Feuergänse’. In ‘Kaisiya’, dem Lied über das Bezaubern des Wales, sind kleine opernartig modulierte Versatzstücke eingebettet, die an die europäische Kulturinvasion erinnern sollen. Der Walfisch steht hier sinnbildlich für die Selk’nam, nämlich das Aussterben bedingt durch die Ausbeutung des Menschen.

Milonga (3’24”)
Ein weiterer thematischer Bogen wird mit den Zitaten des halb-indianischen Segundo Arteaga gespannt, der nur noch gebrochen sprechen kann. Dieser alte Mann kann seine eigene Sprache kaum noch sprechen und erinnert sich nur noch verschwommen an seine Vergangenheit und Herkunft mit Sätzen wie „es ist kalt“.

Shoorts

Cauquen del Fuego

Karryon: Short

2. Satz –  Die Gegenwart
1992/1994 (41’48”)
Radioplay

“Es soll nicht mehr lang dauern, bis alles vergessen ist”

Die Komposition ‘Short, der Mittelteil des radiophonischen Werkes ‘Karryon’, ist weder ein literarisches noch ein dokumentarisches Hörspiel. Obwohl Interviews und damit wahre Begebenheiten verarbeitet werden, bleibt ‘Short’ autark in seinen kreativen Mitteln und damit in seiner Aussage.

‘Short’ stützt sich auf folgende inhaltliche Überlegungen und Arbeitsprozesse:
1. Interviews
Frau Enriqueta de Castelumendi de Santin (La India Varela, 78 Jahre alt) und Herr Segundo Arteaga (84 Jahre alt), die zwei letzten lebenden Kreolen (die Väter waren jeweils Argentinier bzw. Chilene, die Mütter Selk’nam Indianer), erzählen von ihrem Leben und bezeugen damit den Untergang der Selk’nam Indianer (Ona’s) auf Feuerland.

Der Salesianer Mönch Juan Tico beschreibt die positive Christianisierung der Selk’nam. Obwohl die Lebensgeschichte von La India Varela sehr schwer und problemerfüllt ist, wurde diese sehr distanziert von Ihr erzählt. Kulturunterschiede könnten die Gründe hierfür sein.

2. Die Short-Dramaturgie
Die Landung der Weißen Ende des 19. Jahrhunderts, der realisierte Traum des Don Bosco, ist die Rahmenhandlung des Stückes. Der Niedergang der Selk’nam steht jeweils am Anfang und am Schluss des zentralen Mittelteils, der die persönlichen Erfahrungen von La India Varela vermittelt. Mit einer Coda (Segundo Arteaga) schließt die Komposition. Die Handlungsverläufe werden in ihrer zeitlichen Abfolge unterschiedlich miteinander verknüpft.

3. Die Wasserklänge
Die Handlung von ‘Short’ verweist auf die Verwendung von Wasserklängen. Wasserklänge in häuslicher Umgebung z.B. Händewaschen unterstreichen bzw. interpretieren die Intimität einer Textpassage.
Es wird eine Klanggeschichte erzählt, der Handlungsverlauf z.B. die Landung (Segelschiffgeräusche) wird auditiv in Szene gesetzt.
‘Short’ synthetisiert Wasserklänge mit elektronischen Mitteln, Meeresrauschen wird aus seinem natürlichen Kontext genommen, verändert, neu zusammengefügt. Eine eigene abstrakte Klangwelt entsteht.

4. Die Vogelklänge
Vögel spielten in dem Leben der Selk’nam eine besondere Rolle. In ihren Liedern interpretierten sie die Vogelstimmen und deren Melodien. In ‘Short’ steht der Vogel symbolisch für Abflug, Wegziehen, das Ende einer Ära.

5. Cerca Diosi
Am Ende von ‘Short’ steht das Lied “Cerca Diosi”, wiederum gesungen von der Schamanin Lola Kepja. Es ist ein Chant, den sie in der Salesianer Mission lernte, die Anrufung “Nahe zu Gott”.

La India Varela

Segundo Arteaga

Segundo Arteaga

Karryon: Shore

3. Satz
1992 (19’09”)
music for theater/performance

Für drei Sprecher (A, B, C), eine Schiffsglocke und Vogelstimmen sowie den Leuchtturm, mit Auszügen aus ‘Der Leuchtturm am Ende der Welt’ von Jules Verne.

Der dritte und letzte Teil der Komposition ‘Karryon Shore’, die Küste, befasst sich mit den Staten Islands, die sich im Südosten von Feuerland in der Nähe der Antarktis befinden. Die Bedeutung der ‘Staten Islands’, die 1615 vom niederländischen Seefahrer Jacobo le Maire entdeckt wurden, der sich bei der Benennung der Inseln auf die niederländischen Provinzen bezieht, wird in drei Textebenen behandelt. Die rotierenden Leuchtturmgeräusche wurden aus Vogelstimmen abgeleitet.

Am Ende der Komposition steht das Lied ‘Mercury Sound’. Mit Textteilen aus ‘Der Leuchtturm am Ende der Welt’ von Jules Verne.

© Copyright - Michael Fahres