Der Obsidian glänzte in der Sonne. Die Lichtschnur zeigte den Weg, den der kleine Bus nahm. Er schlängelte sich über die Autobahn gen Norden und langsam verschwanden die Vorstädte von Eriwan. Das Blitzen des schwarzen Gesteins säumte die Asphaltstraße ein und verwandelte die Öde in ein Meer von Spiegeln, das von immensen Klüften aufgebrochen wurde. Riesige Felswellen durchzogen den Kaukasus, dieses trockene Erdmeer. Das Land war durstig. Die Steinmäuler hatten 1988 viele verschlungen und es spuckte nichts aus, es gab nichts zurück. Dieses Gesicht, die karge braune Haut war von tiefen Furchen gezeichnet, verlor sich am Horizont und ganz in der Ferne wuchsen Höhen, die das Erdmeer begrenzten. An jeder größeren Ausfahrt standen riesige Autobahnengel, gewaltige, überdimensionale Figuren, die unsere Reise beschatteten. “Ein Relikt aus der Zeit der Sowjet Union”: sagte Daniel, unser Fahrer, und legte mit Nachdruck eine Kassette mit armenischer Volksmusik ein. Nach etwa einer eineinhalb Stunden hatten wir es geschafft. Vor uns trafen sich die beiden Küsten des Erdmeers und des großen Sewansees. Das Naturschauspiel war umso erstaunlicher, da man in dieser Dürre einen See dieses Ausmaßes weder erwartete, geschweige denn auch noch in Assoziationen verfiel, die einem paradiesische Gefilde vorgaukelten, die man zu sehen erhoffte: Weiße Segelschiffe, die der Wind ruhig in der Mittagssonne am Kai wiegte, hier ein Strandtreiben mit bunten Schirmen und dem Gejohle der Badenden und es hätte nur noch der Eisverkäufer gefehlt, dann wäre das Bild perfekt. Armenien verzauberte, Armenien lag an der Riviera. Cóte Maron.

Nein, es war alles ganz anders. Der steinige Saum des Sewansees war zu dieser Jahreszeit ausgestorben, es lag eine bedrückende Stille über dem dunklen Wasser. Der Küstenkuß entließ eine beängstigende Kraft, der niemand gewachsen schien. Kein Vogel zog seine Kreise. An der Straße lagen kilometerlang verrostete, riesige Wasserrohre. Es gab keine Möglichkeit diesem Stahlgürtel zu entkommen, der einen in die Fluten riss. “Die Russen wollten das Wasser zur Energiegewinnung verwenden, doch wie ihr seht, der Seespiegel ist um 19 Meter gesunken, Fische, die Forellen von hier waren eine Delikatesse, gibt es keine mehr und dort in der Kneipe trinken die Männer schon am Vormittag. Es sind die Fischer, sie habe ihre Arbeit verloren”. Daniel seufzte. Wir fuhren auf einem Sandweg durch einen kleinen Ort zu den Katchkars, tausenden geschnitzten Steinkreuzen, die ehrerbietig verhalten auf dem Friedhof standen und ihren Kopf zu uns neigten, sich geradezu von der Küste abwendend, als wollten sie sagen: “Hier haben wir nichts mit zu tun, das Leben zieht an uns vorüber und sterben muss doch jeder einmal.” Das Land war durstig, doch diesmal brach nicht die Erdkruste auf, sondern der Mensch selbst entzog sich sein eigenes Lebenselixier, indem er das Wasser in die Erdgänge pumpte, um die Steinmäuler zu befriedigen. An der Ostseite des Sees, Gilli, leben in dem früheren Naturschutzgebiet keine Vögel mehr und gerade die Zugvögel, sie blieben verschwunden, sie hatten hier keine Heimat. “Das Leben zieht an uns vorüber”, jetzt wusste ich, warum die Katchkars sich abwandten. War nicht auch das armenische Volk ausgezogen, musste es nicht dieses Land verlassen, hatten nicht auch die Anrainerstaaten den Aufbruch willen dieses alten Volkes erstickt? Die Grenze zur Türkei war geschlossen und Aserbeidschan hatte seinen Maschendraht gezogen. Musste man als Armenier nicht ein Zugvogel sein, der zwar weiß, wo seine Heimat liegt, aber niemals mehr dorthin zurückkehren wird und möchte. “Die Heimat ist nicht, woher man kommt, sondern, wohin man gehen will”, so ….. in Franz Werfel’s Buch “Die 40 Tage des Musa Dagh”.

Ein unsichtbares Netz hängt über dem Sewansee. Riesige Masten, versehen mit an der Spitze hängenden, aus Drähten geflochtenen Kränzen, fangen die Radiowellen zwischen West und Ost ein, Übermittler von Information, Kommunikation. Durchzugsland Armenien, von je her und nun Empfänger und Sender zwischen anderen Welten, die bis jetzt diesem neuen Staat ihre moralische bzw. finanzielle Hilfe entzogen, oder nach Weltbankmanier dem bankrotten armenischen Jungstaat Angebote unterbreiten, um somit Güter zu Billigpreisen erwerben. Zuerst wurde den Armeniern Land weggenommen, 1.5 Millionen Menschen zogen 1915 aus ihren Dörfern und vertrockneten in Westarmenien, und nun haben sie ihr Land, aber keinen Besitz. Eine Million Menschen hatten in den letzten 10 Jahren dieses Land verlassen, oder standen in Schlange vor der amerikanischen Botschaft in Erivan, um so, wie es heißt, nur einmal kurz ihre Verwandtschaft im Westen zu besuchen. Die Zugvögel kamen nicht wieder. Die drei Seen, an der türkischen Grenze gelegen, Armash, der Masee, Yeghsegnoot ereilte das gleiche Schicksal. Die Pelikane sind verschwunden. Das große magische Dreieck, gezogen zwischen dem, in der Türkei gelegenen Wan- und Urmia-See, und dem Armash in Armenien, verlor an Bedeutung. Die Seen in Armenien waren durch Privatisierung und fehlender ökologischer Einsicht leer gefischt. Die Nahrungsreserven waren verbraucht und so flogen die Vögel nicht mehr über die türkische Grenze, zwischen zwei Ländern.

Michael Fahres

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