The Signal-Hain
1991 (39′01″)
Sound collage
In einem Zeitraum von etwa einhundert Jahren, zwischen der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und 1971, wurden die Ureinwohner Feuerlands (Argentinien), die Indianer, die sich Selk’nam oder Ona’s nannten, von den Weißen ermordet oder kamen durch eingeschleppte Krankheiten der neuen Siedler um’s Leben. 1966 zeichnete die amerikanische Anthropologin Anne Chapman Lieder der letzen Shamanin, Lola Kiepja, auf.
Im Dezember 1990 unternahm ich eine private Reise nach Ushuaia (Feuerland), um mich intensiver mit der Musik der Selk’nam Indianer auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit dem Direktor des Völkerkundemuseums ‘Del Fin Del Mundo’ und dem Anthropologen Hernn Vidal, einem Wissenschaftler, der auf dem Gebiet der dortigen Indianerkulturen bewandert ist, mußte zuerst einmal untersucht werden, welche Materialien über die Musik der Selk’nam vorhanden waren. Es zeigte sich, daß nur 4 Tonaufnahmen in diesem Jahrhundert gemacht wurden:
a. + 1907, Charles Wellington Furlong Material auf Zylindern, Völkerkundemuseum Berlin, Dr. Simon
b. 1922, Martin Gusinde Material auf Zylindern, Völkerkundemuseum Berlin
c. 1967, Angel Novati, Sänger: Santiago Rubatini Material auf Band, Völkerkundemuseum Buenos Aires ( 3 Kompositionen in Eigenbesitz )
d. 1969, Anne Chapman, Sängerin: Lola Kiepja ( 2 Platten in Eigenbesitz) (e) + 1912, Dr. von Hornbostel wissenschaftliche Abhandlung über Furlong und später in den dreisiger Jahren über Gusinde + 1960 Material auf Schallplatte
Folgende Aspekte dieser Musik faszinierten mich:
– Es ist allein vokale Musik, die Rhythmen sowie Melodielinien leiten sich von dem Satzbau und der Bedeutung der Texte ab.
– Die Bedeutungen der Wörter sind verständlich, da u.a. der Salesianerorden Anfang des Jahrhundert ein Wörterbuch Selk’nam- Englisch zusammenstellte (Material in Eigenbesitz).
– Die anthropologischen und musikwissenschaftlichen Untersuchungen der Ona-Musik liefern weiteres Studienmaterial.
Während meines Verbleibs in Ushuaia stellte sich heraus, daß nur noch die Indianerin Doña Enrique de Gastelumendi de Santin (‘La India Varela’) von den Ona’s überlebt hatte (+ 80 Jahre alt). Es lag in dem Interesse der Universität von Ushuaia, mich zu fagen, die Lebensgeschichte dieser Indianerin mittels Interviews aufzuzeichnen und damit die Kultur und Geschichte der Selk’nam für die Nachwelt festzuhalten.
Was ist ‘Hain’?
Die ‘Hain’-Zeremonie, zuletzt 1937 ausgeführt, ist die wichtigste soziale wie auch spirituelle Zeremonie der Selk’nam Indianer, die oft länger als ein Jahr, zuletzt 50 Tage dauerte. ‘Hain’ wurde aus folgenden Gründen abgehalten:
– Initiation der jungen Männer – Unterricht der jungen Frauen betr. Aufnahme in die Gesellschaft der Indianer. – Quelle für künstlerischen Ausdruck und Unterhaltung – Treffpunkt und Austragungsort für soziale Konflikte.
Diese Vorgaben schlossen den Kreis, ein Konzept für die radiophonische Komposition ‘Hain’ auszuarbeiten.
In meiner Schraffur ‘Hain’, die sich u.a. auf den Ritus Hain der Selk’nam bezieht, wurden vier Chants von Lola Kiepja in ihrer Originalversion übernommen und musikalisch neu formuliert.
Später schrieb ich ‘Karryon’ (Ich höre zu, was andere mir sagen) und verwendete hier sowohl meine eigenen Aufnahmen (Interviews, Lieder) als auch die Gesänge von Lola.
Diese vier Lieder hatten bei den Selk’nam folgende Bedeutung:
Id1. Die Aufforderung – Héhé (7’56”)
Das Lied wurde von den Männern gesungen während der Hóshtan-Szene. Währenddessen wurde mit den Frauen getanzt und gefeiert.
Id2. Die Begegnung – Yoyoyoyo (3’49”)
Ein von den Männern gesungenes Lied in dem “Hain”, der Hütte. Der Gott Kulan stieg vom Himmel herab.
Id3. Húp ke kep (3’19”)
Frauen sangen dieses Lied. Koshménk erschien.
Id4. Die Verwandlung – Ham-nia (6’30”)
Das Lied der Shamanin. Diese Chants wurden oft in Trance rezitiert. Der Weg, weg von der Hütte, dem Haus, hin zu dem, was kommen wird, der Zukunft, dem Himmel. “Ich folge den Weg von denen, die uns verlassen haben”.
Lola Kiepja
CD Hain



